Märchenerzähler Folke Tegetthoff

Der Erzähler, Dichter und Schriftsteller gilt weltweit als Begründer einer neuen Erzählkunst-Tradition

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Aktuelles

Internationales Storytelling Festival 2015

Mai 2015. Für dieses Jahr hat Folke Tegetthoff seine Erzähl-Festivals erweitert und gleich einen ganzen Reigen an Veranstaltungen in Graz, Wien und Niederösterreich geschnürt: "Wir freuen uns ab 2015 zurück nach Graz zu kehren, mit Wien einen neuen Standort gefunden zu haben und in Niederösterreich ein neues Festivalkonzept zu präsentieren!"

 

Das Internationale Storytelling Festival 2015 beginnt am 20. Mai mit "Lassing erzählt" und feiert am 22. Mai mit einer großen Eröffnungsgala im Grazer Schauspielhaus eine "Lange Nacht der Märchenerzähler".

 

Folke Tegetthoff. Erzähler, Dichter und Schriftsteller

Text und Interview: Hedi Grager

Fotos: Christian Jungwirth, Reinhard A. Sudy

Erzähler, Dichter und Schriftsteller Folke Tegetthoff. (© Christian Jungwirth)

 

Folke Tegetthoff stammt aus der Familie des österreichischen Admirals Wilhelm von Tegetthoff. Kaum jemand weiß, dass er in Wels geboren wurde, mit sechs Monaten aber nach Graz kam. Hier ist er aufgewachsen ist und hier studierte er mehrere Semester Medizin und Pädagogik. Seit einigen Jahren lebt er mit seiner Frau Astrid und seinen vier Kindern in einem Kloster in der Südsteiermark.

Nach Aufenthalten in Spanien und Hamburg erschien 1979 sein erstes Buch „Der schöne Drache“, dessen Präsentation auch sein erster Auftritt als Märchenerzähler war. Als Märchendichter vereint Folke Tegetthoff klassische Elemente mit einem ganz neuen Märchenstil. Dies macht ihn in der deutschsprachigen Literaturszene einzigartig.

 

 

G’sund: Wie wird man Märchenerzähler? Hast Du schon als Kind eine Nähe zu Märchen gehabt?

 

Tegetthoff: Ich war das jüngste von fünf Kindern, habe vier Geschwister. Eine meiner Schwestern hat mir über viele Jahre jeden Abend eine Geschichte erzählt. Das war sehr prägend für mich. Märchen erzählen habe ich aber auch immer mit körperlicher Nähe verbunden, mit Vertrautheit und Sicherheit.

Märchenerzähler wird man nicht, das ist man. Ich weiß noch auf die Stunde genau, wie mein Weg begonnen hat. Es war der 24. Dezember 1964, 18.35 Uhr. Ich war zehn Jahre alt, als an diesem Weihnachtsabend nicht nur der Weihnachtsbaum abbrannte, auch die Wohnungseinrichtung und alle Geschenke. Meine Geschwister waren verzweifelt, sie wollten mir ein schönes Fest bereiten, aber alles war verbrannt. Was ich in der Asche noch fand war ein Buch, das nicht verbrannt war. Es war ein Märchenbuch. Dieses Buch begleitete mich dann über all die Jahre, so wie andere Kinder ein Lieblings-Stofftier haben. Ich wusste intuitiv, dass es wichtig für mich war, dass es eine Bedeutung für mich hatte. Auch wenn mir damals noch nicht klar war, welche.

Zwölf Jahre später wurde mir die Bedeutung klar. Ich war 23 Jahre alt als ich gefragt wurde, ob ich ein Märchenhörspiel schreiben möchte. Natürlich, sagte ich, obwohl ich so etwas noch nie gemacht hatte. Ich ging in das Kinderzimmer meines Neffen und habe nach einem Buch gesucht. Ich fand „mein Märchenbuch“, dasjenige, das den Brand überlebt hatte. Es waren die gesammelten Werke des Märchendichters Hans Christian Andersen. Ich setzte mich hin und schrieb mein erstes Buch, das knapp ein Jahr später veröffentlicht wurde.

 

G‘sund: Du verlässt Dich sehr auf Deine Intuition?

 

Tegetthoff: Ich glaube absolut an intuitive Kräfte. Intuition ist überhaupt die wesentlichste Kraft, die wir besitzen. Die meisten haben nur kein Vertrauen in ihre Intuition. Wir kommen ständig an Wegkreuzungen, müssen Entscheidungen treffen, um zu einem nächsten Punkt zu kommen. In meiner Lebensphilosophie hilft mir meine Intuition immer, den richtigen Weg zu gehen. Jeder Augenblick des Lebens hat eine Bedeutung. Ich vertraue konsequent meiner Intuition - das ist auch durchaus trainierbar.

 

G’sund: Wie schreibt man ein Märchen? Kann man sich dies ähnlich vorstellen wie einen Roman zu schreiben?

 

Tegetthoff: Einen Roman zu schreiben, erfordert eine Konstruktion, so wie einen Plan für den Bau eines Hauses. Meine Märchen jedoch entspringen meiner Intuition, auch wenn sie einer strengen Logik zu folgen haben.

 

G’sund: Was bedeutet Dir Familie? Du bist durch Deine Reisen und Tourneen doch auch sehr oft von der Familie getrennt?

 

Tegetthoff: Ich verbringe sehr viel Zeit mit meiner Frau und meinen Kindern. Sie waren früher sehr oft mit mir auf Tournee, als unsere Kinder noch nicht zur Schule gingen. Meine „normale“ Arbeit findet ja zu Hause statt, da bin ich zwar nicht immer ansprechbar, aber ich bin präsent.

 

G’sund: Du hast mehrere Auszeichnungen erhalten, darunter als erster Österreicher den mit US$ 100.000 dotierten Internationalen Lego Preis im Jahr 1994. Dieser wird von Lego an Personen und Organisationen verliehen, die einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung von Lebensbedingungen von Kindern in allen Teilen der Welt leisteten. War das Dein bisher größter „Erfolg“, Deine bisher größte Anerkennung für Deine Arbeit?

 

Tegetthoff: In Bezug auf Auszeichnungen war dies natürlich schon mein größter Erfolg. Nicht wegen des großen Geldbetrages, sondern weil ich damit eine bedeutende internationale Auszeichnung erhalten habe, die von einer unabhängigen internationalen Jury aller 28 Lego-Länder vergeben wurde. Ich bin sehr stolz, ihn als zweiter Schriftsteller nach Astrid Lindgren erhalten zu haben. Ich weiß, dass ich in Österreich niemals einen literarischen Preis erhalten werde, dazu muss man einem Verein, einem Gremium oder einer Lobby angehören. Ich aber stehe außerhalb der Literaturszene.

 

G’sund: Deine „Welttournee des Märchens“ führte Dich im Alter von 28 Jahren von 1982 bis 1984 in 22 Monaten in insgesamt 28 Länder auf allen Kontinenten. Das ist nach wie vor einzigartig. Was war das für ein Gefühl? Möchtest Du das wieder machen?

 

Tegetthoff: Es war natürlich ein absoluter Wahnsinn, vor allem deshalb, da ich ja nirgendwo als Tourist, sondern als Gast diese Länder und Städte kennenlernen konnte. So bekommt man einen ganz anderen Zugang zu einem Land. Wenn ich es jetzt nochmals machen würde, würde der Hype des Neuen wegfallen, aber es würde mir sicherlich andere Erfahrungen bringen. Ähnliches mache ich ja mit der „Schule des Zuhörens“, eine Arbeit rund um das Zuhören.

 

G‘sund: Im April hast du in Niederösterreich ein von Dir konzipiertes Lesekompetenzzentrum präsentiert.

 

Tegetthoff: Ja, das war für mich ein ganz fantastisches Projekt. Ich wurde von der niederösterreichischen Landesregierung beauftragt, dieses Lesekompetenzzentrum zu planen. Erstmalig hat ein solches Projekt ein Künstler gemacht. Überall auf der Welt werden solche Projekte von Unternehmensberatern oder Pädagogen gemacht. Eine Herausforderung war natürlich, dass ich vom Budget bis zu den Mitarbeiterprofilen alles, also wirklich alles, neu entwickeln musste. Und das in fünf Monaten!

 

G’sund: Was können wir uns unter einem Lesekompetenzzentrum vorstellen?

 

Tegetthoff: Es ist eine zentrale Stelle für alles, was auch nur im entferntesten Sinne mit Lesen zu hat. Beispielsweise geht es darum, wie man Menschen, Kinder und Erwachsene, wieder zum Lesen bringt. Es gibt immer mehr Analphabeten. Aber für unser Leben ist Lesen eine ganz wichtige Grundlage. Kinder lesen zwar, aber sie verstehen heute oftmals den Sinn nicht mehr. Wir müssen uns bewusst sein: Ohne lesen keine Bildung.

 

G’sund: Was ist der Ansatz deines Konzeptes? 

 

Tegetthoff: Das erste Lesen findet am 5. Tag nach der Geburt statt, wenn das Neugeborene die Mimik seiner Mutter liest. In den ersten fünf, sechs Jahren verbinden Kinder mit lesen etwas sehr Positives, sehr Emotionales. Sie verbinden es mit Körperlichem, wenn die Mutter am Bett oder das Kind am Schoss der Mutter sitzt. In der Schule bricht dann das Positive. Plötzlich wird bewertet - du liest gut oder schlecht. Und mit 12 Jahren kommt der Leseknick, da wird lesen als reines Werkzeug betrachtet.
Die Pisa-Studie hat in 48 Ländern Mängel beim Lesen entdeckt. Ich habe für dieses Projekt 42 Interviews und Gespräche geführt mit Menschen, die mit lesen im weitesten zu tun haben: von Lehrern bis zu Schrifstellern, von Musiktherapeuten bis zu Bibliothekaren. Was ist lesen, was bedeutet lesen für sie. Eine wichtige repräsentative Erkenntnis war, dass knapp 80 % dieser Menschen, die auch noch über 40 Jahre sind, mit Lesen ein haptisches Gefühl, das Berühren eines Buches oder einer Zeitung verbinden.
Es ist aber auch erwiesen, dass die bis jetzt 15-Jährigen vielfach mehr, aber anders lesen als die Generation davor. Sie lesen E‑Mails, SMS etc. All das gehört ja auch zum Lesen.

 

G’sund: Welchen Ratschlag hast Du für uns? 

 

Tegetthoff: Wir müssen uns (wieder) bewusst werden, was es bedeutet, ein Buch zu lesen. Es ist ein Transportmittel, um uns Lebens- und Glücksgefühl zu vermitteln. Es schenkt uns Zeit, um zur Ruhe zu kommen, um inne zu halten. Es ist auch bewiesen, dass die Konzentrationsfähigkeit steigt, wenn man eine Geschichte erzählt oder eine erzählt bekommt. Erwachsene müssen auch die Kunst des Erzählens und des Zuhörens wieder erlernen, um sie dann an ihre Kinder weitergeben zu können. Ich mache dies mit der Schule des Zuhörens im Rahmen meines Erzählkunstfestivals „fabelhaft“. Dabei versuchen wir, Erwachsene und Jugendliche für das Zuhören zu sensibilisieren. Denn: erzählen und zuhören bedeutet, einander Zeit schenken, bedeutet einander Achtung schenken.

 

 

Weiterlesen (Erzählkunstfestival)

 

Stand: Juni 2009.

Veröffentlicht: Interview mit Folke Tegetthoff. Der Erzähler, Dichter und Schriftsteller gilt weltweit als Begründer einer neuen Erzählkunst-Tradition. In: Gsund. Die besten Seiten der KAGes. Nr. 62 Juni 2009. Seite 56 - 57.

Quelle: www.gsund.net.

Ein wenig Persönliches über Folke Tegetthoff

  • Geboren am 13. Februar 1954 in Graz
  • Verheiratet mit Astrid, vier Kinder (Tessa, Sophie, Kira und Floris)
  • Präsentation des ersten Buches „Der schöne Drache“ am 13. Februar 1979 in Graz

Folke Tegetthoff. Fotogalerie

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