Wolfgang Köle. Lebens-Bilder eines großen Chirurgen

Hier lesen Sie über

  • In Memoriam Univ. Prof. Dr. Wolfgang Köle
  • Gedenkmesse. Erinnerung an gefallene Kameraden 
  • Feier zum 90. Geburtstag

Abschied von Wolfgang Köle, einem der ganz Großen

Mai 2018. Im August des Vorjahres war ich noch zu Besuch beim Ehepaar Eva und Wolfgang Köle und durfte dabei auch einige Fotos machen. Von seiner Gattin mit Kaffee und Kuchen verwöhnt führte ich mit Univ. Prof. Dr. Wolfgang Köle anregende Gespräche über sein spannendes, arbeitsreiches Leben und Wirken. Diese Erinnerungen werden unvergessen bleiben.

Univ.-Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfgang Köle. © kk

Univ.-Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfgang Köle

Nachruf

 

Am 15. April dieses Jahres verstarb mit Univ.-Prof. Dr. Dr.h.c. Wolfgang Köle einer der Wegbereiter der Chirurgie in der Steiermark, dessen Wirken die Entwicklung der Chirurgie aber auch weit über unser Bundesland hinaus beeinflusste. Unser Mitgefühl gilt seiner Gattin Dr. Eva Köle, seinen drei Söhnen, seinen Schwiegerkindern und Enkeln.

 

Wolfgang Köle wurde am 18.11.1919 als Sohn des späteren Schuldirektors Heinrich und der späteren Oberlehrerin Maria Köle in Obdach/Steiermark geboren. Nach der Volksschule besuchte er von 1930 – 1938 das Stiftgymnasium St. Paul/Kärnten, wo er mit Auszeichnung maturierte. Anschließend studierte er in Graz und Wien Medizin.

 

1940 wurde er von der Deutschen Wehrmacht eingezogen. Zunächst war er als Angehöriger der Sanitätskompanie der 6. Gebirgsdivision in einem griechischen Kriegslazarett in Piräeus tätig. Anschließend wurde er an die Lizafront bei Murmansk versetzt. Nach Versenkung der Transportschiffe mussten er und seine Kameraden die 700 km lange Strecke von Griechenland an die Eismeerfront per Fußmarsch zurücklegen. Sein Einsatzort war der Hauptverbandsplatz an der damaligen Hauptkampflinie. Dort führte er nicht nur erste chirurgische Tätigkeiten aus, sondern entdeckte auch seine große Liebe zur Chirurgie, die ihn zeitlebens begleiten sollte. Durch einen Granatvolltreffer im Operationsbunker erlitt er am 17.05.1942 seine zweite Verwundung und wurde daher als Feldunterarzt an die Sanitätsoffiziersergänzungsabteilung versetzt. Dies ermöglichte ihm die Weiterführung seines Medizinstudiums in Graz und Innsbruck, wo er schließlich am 12.04.1945 promovierte.

 

Anschließend arbeitete er als unbezahlter Gastarzt an der Chirurg. Abt. des LKH Wolfsberg und der Chirurg. Universitätsklinik in Graz. Aufgrund seiner fachlichen und wissenschaftlichen Kompetenz erhielt er schon bald eine Assistentenstelle bei Prof. Winkelbauer und ab 1947 bei Prof. Spath. 1951 spezialisierte er sich auf dem Gebiet der Thoraxchirurgie bei Prof. Holst in Oslo, bei Prof. Crafoord in Stockholm und bei Prof. Brunner in Zürich. 1953 erhielt er die Facharztberechtigung für Chirurgie. 1956 habilitierte er sich über „Die traumatische Ruptur der normalen Milz". 1957 wurde er zum 1. Oberarzt an der Chirurg. Univ.-Klinik Graz ernannt. 1961 wurde er Primararzt und Vorstand der II. Chirurgischen Abteilung des LKH Graz. Mit großer Umsicht leitete er diese Abteilung bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1985.

 

Neben seiner herausragenden chirurgisch-klinischen Tätigkeit entwickelte Wolfgang Köle bereits in jungen Jahren ein ausgesprochenes wissenschaftliches Interesse. Er war maßgeblich an der Entwicklung der modernen Traumatologie, wo er gemeinsam mit Hans v. Brücke und Hermann Buchner den Übergang von der Böhler´schen konservativen Frakturbehandlung zur modernen ao Behandlung mitgestaltete, beteiligt. Er leistete auch einen wesentlichen Beitrag an der Entwicklung der Thoraxchirurgie in der Steiermark und darüber hinaus. Auch in der Viszeralchirurgie hinterließ er bleibende Spuren. Exemplarisch sei nur auf die 1953 erstmalig durchgeführte Operation einer angeborenen Ösophagusatresie, auf die erste in Graz durchgeführte anatomisch erweiterte Linkshemihepatektomie (1955) und auf die Entwicklung einer eigenen Technik der Monoblocresektion bei fortgeschrittenem Magenkarzinom (1955) sowie der transthorakalen Ösophagocardiomyotomie bei Cardiospasmus (1957) oder die erstmalige transabdominale zirkumrektale Anwendung der Schmidt-Plastik mit freitransplantierter autologer Darmmuskulatur bei kompletter Analsphinkterinkontinenz (1985) hingewiesen.

 

Zahlreiche weitere Arbeiten geben Zeugnis über sein breites wissenschaftliches Betätigungsfeld von der Lungentuberkulose über das Magen-, Kolon- und Rektumkarzinom, der Chirurgie der Gallenwege und des Pankreaskarzinoms bis hin zur Behandlung von Narbenbrüchen. So ist es nicht verwunderlich, dass das wissenschaftliche Opus Wolfgang Köles 194 Publikationen umfasst.

 

Wolfgang Köle war aber auch ein engagierter und begnadeter Universitätslehrer. Mit außergewöhnlichem pädagogischen Geschick gelang es ihm das Fach Chirurgie an Studierende und auszubildende Ärzte in hervorragender Weise weiterzugeben. Seine Freude an der Weitergabe chirurgischen Wissens schlug sich nicht zuletzt im „Heberer-Köle-Tscherne", einem jahrzehntelangen Standardlehrbuch der Chirurgie nieder. Als Chef war er Vorbild und Mentor seiner Mitarbeiter – so gingen 12 Primar- bzw. Chefärzte aus seiner Abteilung hervor.

 

Aufgrund seiner Leistungen als Arzt und Wissenschaftler wurden Wolfgang Köle auch zahlreiche nationale und internationale Ehrungen zuteil. So war er u. a. gewähltes Delegationsmitglied der Société Internationale de Chirurgie Brüssel, Ehrenmitglied der Österreichischen und Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, Ehrenmitglied der Wissenschaftlichen Gesellschaft der Ärzte in der Steiermark, Ehrenbürger der Marktgemeinde Obdach, Bürger der Landeshauptstadt Graz, Träger des Ehrenringes des Landes Steiermarks, Träger des großen goldenen Ehrenzeichen des Landes Steiermark mit Stern und des großen goldenen Ehrenzeichens des Österreichischen Schwarzen Kreuzes.

 

Ein großartiger Kollege und großer Chirurg ist von uns gegangen, der unsere Hochachtung und unser Interesse in mehrfacher Beziehung verdient.

 

Wolfgang Köle war einer der letzten Chirurgen, der das Fach in seiner ganzen Breite im Stande war abzudecken. Weiters hat er sich seinem Beruf, den er als Berufung empfand, fast wie in einem Amt, mit einer geradezu priesterlichen Hingabe gewidmet. Sein Handeln stand unter der seinerzeitigen Devise der Preußischen Könige: „Mehr Sein als Schein". Chirurgie hat – sei es im Umgang mit Kollegen, Assistenzpersonen oder Patienten – immer mit Führung zu tun. Führung und Vorbild durch den Lehrer, Chef und Ältere – das war es, was den Erfolg von Wolfgang Köle ausmachte und das ist es auch, was ihn heute als Erinnerung in unserer Mitte weilen lässt. Chef ist nicht der, der etwas tut, sondern der, der das Verlangen weckt etwas zu tun. Die mächtige Flamme der 2. Chirurgischen Abteilung entstand aus dem Funken, den Wolfgang Köle an seine Mitarbeiter weitergab. Bei allen Diskussionen über unser ärztliches Tun und durch den durch die ökonomischen Vorgaben geprägten Wandel in der Versorgungsstruktur, sind Reflexionen über die prägenden Werke unseres Handelns – zumal in Führungspositionen – unverzichtbar. Der schmale Grat zwischen Riskantem und Machbarem wurde von Wolfgang Köle mit traumwandlerischer Sicherheit gelebt, bedingt durch seine immer wache Selbstkritik, gepaart mit einer Redlichkeit, aber auch seinem absoluten Rechtsgefühl, oftmals als eine Aura des Unangreifbaren interpretiert, welches selbst weniger wohlgesonnen Kollegen keine Möglichkeit gab, der untadeligen Firnis der Moral anzukratzen. Die Diskussion um unser ärztliches Tun in den Medien reduziert uns häufig auf das Niveau von Facharbeitern, noch möglichst Facharbeitern im Schichtdienst, die ihren Job tun. Eigentlich stehen immer nur ökonomische Aspekte im Vordergrund. Was hat dies mit unserer ärztlichen Tätigkeit zu tun? Gewinnen wir auf diese Weise Mitarbeiter, die verantwortungsvolle Ärzte werden? Wie wollen wir junge Menschen für unseren Beruf begeistern und ihnen eine Ausbildung bieten, wenn immer häufiger eine Sprache gesprochen wird, die einen Job beschreibt, die schon gar nicht daran denken lassen könnte, dass der Begriff Beruf vielleicht etwas mit Berufung und Wertschätzung zu tun haben könnte?! Die Synthese aus bestem fachlichen Wissen und humanitärer Zuwendung, die häufig „Ärztliche Kompetenz" genannt wird, wurde von Wolfgang Köle vorgelebt.

 

Fehler, die gemacht wurden – und die gibt es, wie wir als Chirurgen wissen, in jedem Chirurgenleben als die dunklen Stunden des Misserfolges und der Enttäuschung –  wurden von Wolfgang Köle mit klaren Worten der Kritik, aber ohne Entmutigung besprochen. Er hat die Fehler kritisiert und nicht den Menschen dahinter –  nur so konnten auch die Mitarbeiter dieser Abteilung chirurgisch wachsen.

 

Wolfgang Köle hat bis zuletzt in guter körperlicher Verfassung und mit klarem Verstand ein hohes Alter erreicht. Er war der schlagende Beweis, dass Arbeit jung hält und das Altwerden erst dann beginnt, wenn die Neugierde verschwunden ist.

 

Mit Prim. Univ.-Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfgang Köle verliert die Steiermark und die Österreichische Chirurgie aber nicht nur einen hervorragenden Chirurgen, Wissenschaftler und Universitätslehrer, sondern vor allem auch einen großartigen Menschen. Einen Menschen, der dem chirurgischen Nachwuchs und allen Neuerungen der modernen Chirurgie bis in das hohe Alter von 99 Jahren mit wachem Geist und großer Aufgeschlossenheit gegenüberstand. Sein großartiges Können, seine Fürsorge für die ihm anvertrauten Patienten und die menschliche Zuwendung, nicht nur seinen Patienten, sondern auch seinen ärztlichen und nicht ärztlichen Mitarbeiter gegenüber, werden uns in vorbildhafter Erinnerung bleiben.

 

 

Vorstandsvorsitzender Univ.-Prof. Dr. Karlheinz Tscheliessnigg,

Prim. ao. Univ.-Prof. Dr. Hubert Hauser

 

Quelle: Unverändert emtnommen aus Gsund. Das Mitarbeitermagazin der Steiermärkischen Krankenanstaltengesellschaft m.b.H., Nr. 98 Juni 2016, Seite 12-13.

Nach 75 Jahren Erinnerungen an gefallene Kameraden

Am 17. Mai 2017 veranlasste Univ.Prof. Dr.med. Dr.h.c. Wolfgang Köle zur Erinnerung an vor 75 Jahren gefallene Kameraden in der Stadtpfarrkirche Graz-Herrengasse eine Gedenkmesse. Die folgenden, von ihm persönlich verfaßten Zeilen und die Fotos hat er mir zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt. Einzig einige Zwischenüberschriften und die Fotos wurden von mir in die Originalfassung des Textes eingefügt.

     75 Jahre vorher am 17. Mai 1942 wurde die Operationsbaracke der Geb.San.Komp. 1/ 91 der 6. Gebirgsdivision am Hauptverbandplatz (HVPL) Lizabucht an der Eismeerfront durch Artillerievolltreffer getroffen und zerstört. Dies erfolgte während der Operation eines durch einen Bauchschuss verwundeten Unteroffiziers durch den Chirurgen OA. Dr. Attilio Dimai, nach dem Krieg Prim. an der Chir.Abt. des KH der Elisabethinen in Klagenfurt, und den assistierenden Feldunterarzt (FU) Wolfgang Köle. Dabei wurden der Chirurg, der Assistent, der zu Operierende nochmals und drei liebe Kameraden tödlich verwundet.

     Stadtpfarrpropst Mag. Christian Leibnitz schilderte bei der Messe kurz die damalige Situation und nannte dann die Namen der drei tödlich Verwundeten San.Feldwebel Franz Janker, ein Wiener (1), San.Gefreiter Hubert Krumpl (2) und den San.Gefreiten Franz Windbichler (3), zwei Klagenfurter, letzterer ein Medizinerkollege, in der Mitte FU Köle (4), der einzige heute noch Lebende (Abb. 1).

Die Operationsmannschaft vor der Baracke. Foto: W. Köle Die Operationsmannschaft vor der Baracke. Foto: W. Köle

     Nach der Messe kamen mehrere Leute zu Köle und meinten, eine so ergreifende Gedenkmesse noch nicht erlebt zu haben.

 

Provisorische Notversorgung und eilige Verlegung

     Wir drei Verwundete konnten nur provisorisch versorgt werden. Der zu Operierende flog durch die Explosion vom Op.Tisch auf den Boden, die auf der Bauchdecke liegenden Darmschlingen wurden sofort in den Bauchraum reponiert und die Bauchwunde mit Leukoplast notdürftig verschlossen. Bei uns beiden wurden die blutenden Wunden gestillt und Notverbände angelegt. Dann wurden wir in einen Sanitätskraftwagen verladen. Die Fahrt führte vom vermeintlich sicheren Platz hinter einem Bergrücken hinunter zur Liza über die Holzbrücke zum gegenüberliegenden Hang, auf dem die Nachschubstrasse in das rückwärtige Gebiet und zum Feldlazarett Titovka lag (Abb. 2).

Links am Plateau war der alte zerstörte HVPL Lizabucht am Hang des Bergrückens, hinter dem östlich die Hauptkampflinie verlief. Am Berghang die Baracken des neuen HVPL. Unten die heiß umkämpfte Liza mit der Holzbrücke und die Nachschubstraße. Foto: W. Kö

Diesen Hang mit der Nachschubstrasse beschoss die russische Artillerie 1 – 2 Stunden jeden Tag zu unbestimmten Zeiten. Wir hofften sehr, dass wir ohne Beschuss durchkommen. Es kam aber anders. Kaum fuhren wir die Straße aufwärts erfolgte der Artilleriebeschuss. Granaten schlugen links und rechts vom Kraftwagen ein. Fahrer und Beifahrer sprangen heraus und suchten Schutz hinter Felsen. Wir lagen angegurtet hilflos im Auto. Dr. Dimai rief unentwegt, dem nächsten Treffer kommen wir nicht aus! Diese Stunde des Wartens auf einen Treffer schien uns eine Ewigkeit zu dauern. Nach Aufhören des Beschusses konnten wir auf der schwer beschädigten Strasse die Fahrt fortsetzen. Wir hatten Glück und wurden nicht getroffen.

     Es war daher nicht nur eine Gedenkmesse, sondern auch eine Dankmesse, da wir diesen Tag heil überstanden und einen zweiten Geburtstag erleben konnten.

     Im Feldlazarett wurden wir endgültig versorgt und der Verwundete mit dem Bauchschuss wurde zu Ende operiert. Da viele Verwundete eingeliefert wurden, erfolgte unser Weitertransport in das Kriegslazarett Ivalo in Finnland. Soweit ich in Erfahrung bringen konnte, hat der Verwundete mit dem Bauchschuss diese doppelte Operation überlebt.

     Erwähnt werden darf noch, dass wir uns auf unserem HVPL absolut sicher fühlten, denn er lag hinter einem Bergrücken am Fuße desselben und konnte durch die russische Artillerie nicht getroffen werden (Abb. 2). Umso mehr war der Beschuss für uns unverständ-lich. Erst viel später erfuhren wir, dass der Beschuss durch Schiffsgeschütze eines sowjeti-schen Kriegsschiffes erfolgte, das hinter unseren Linien in eine Bucht des Eismeeres hinein-fuhr und uns von hinten beschoss.

Über unsere Gebirgs-Sanitäts-Kompanie

     Zum besseren Verständnis sei noch kurz auf die Geschichte unserer Geb.San.Kompanie eingegangen, wobei als Unterlage teilweise der Beitrag in der Weihnachtsbeilage 2001 der Murtaler Zeitung „Vor 60 Jahren Kriegsweihnacht an der Eismeerfront“ von Wolfgang Köle diente.

     Nach dem Griechenlandfeldzug betreute unsere Kompanie ein Kriegslazarett in Piräus, von wo wir Ende August 1941 quer durch Europa teils per Bahn, teils per Schiff, teils durch Fußmarsch an die Eismeerfront verlegt wurden. Wegen Versenkung eines Transport-schiffes in unserem Geleitzug durch britische U-Boote an der Küste Nordnorwegens wurden wir in dem kleinen Hafen Alta ausgeladen und marschierten die 700 km lange Strecke auf einer einsamen schmalen Straße mit Unterbringung in Zelten in unser Einsatzgebiet an der Eismeerfront.

     Hier ging gegen Ende des Jahres 1941 der Bewegungskrieg in einen Stellungskrieg über. Im Mai 1942 gab es noch einmal heftigste Kämpfe mit Landung russischer Marineinfanterie weit hinter unserer Front, die zu einem gefährlichen Zweifrontenkrieg führten. Nach Aussagen des finnischen Generalstabes sei ein Krieg in dieser öden Steinwüste ohne Unterkünfte und Nachschubstraßen im polaren Winter nicht vorstellbar. Es war praktisch nichts vorhanden. Es mussten Holzbaracken und Finnenzelte aus Sperrholz errichtet werden, um Unterkünfte für Offiziere, Mannschaften, Pferde und Hunde, ebenso Verwundeten- und Op.-Baracken einsatzfähig zu machen. Dass der Nachschub mit Baracken, Holz, Kohle, Öfen, Munition, Sanitätsmaterial, Verpflegung, Pferdefutter, Feldpost usw. verlässlich über riesige Entfernungen und ungeheure Schneemassen gewährleistet war, galt als eine gewaltige Leistung der Divisionsführung. Hilfreich war dabei eine Seilbahn (Abb. 3), die von Parkkina bis über die Liza in die Nähe der Stützpunkte führte, die auf Befehl unseres Div.Kommandeurs Generalmajor Schörner von den Pionieren in Rekordzeit errichtet wurde. Sie hatte eine Länge von gut 60 km und dürfte eine der längsten Seilbahnen gewesen sein, die je gebaut wurden. Zur Front wurde der Nachschub befördert, zurück wurden Schwerverwundete in das Feldlazarett und gefallene Kameraden zum Soldatenfriedhof gebracht, eine eigene Umladestation befand sich auf dem HVPL.

Die 60 km lange Seilbahn. Foto: W. Köle

Versorgungskette

     Die Versorgungskette für Verwundete beginnt am Truppenverbandplatz in der Frontlinie mit der Erstversorgung durch den Truppenarzt und Sanitäter. Dann erfolgt der an dieser Front oft vielstündige Krankentransport durch Krankenträger (Abb. 4), 4 Mann pro Krankentrage. Wegen tiefer Schneemassen und arktischen Stürmen kamen später Schlitten mit Pferden (Abb. 5), mit Rentieren (Abb. 6) und mit Polarhunden (Abb. 7) zum Einsatz.

 

     Auf dem HVPL bestanden alle Möglichkeiten einer unmittelbaren operativen Versorgung. Es gab eigene Instrumentenkassetten, in denen Einsätze für Bauch-, Lungen- und Kopfverletzungen sowie Extremitätenverwundungen sofort zur Verfügung standen. Manche Verwundete mit Bauch- oder Lungenschüssen mussten sofort operiert werden, andere wurden mit Sanitätskraftwagen in das etwa 20 km entfernte Feldlazarett Titovka und dann je nach Notwendigkeit in Kriegslazarette mit Fachabteilungen oder in die Heimat in Reservelazarette transportiert.

     Der verwundete Soldat muss die Gewissheit haben, dass ihm jede mögliche beste und den Umständen entsprechend rasche medizinische Hilfe zu Teil wird. Dies war durch die hervorragende Organisation in den deutschen Sanitätstruppen gewährleistet.

Besonders in Erinnerung ist mir die Weihnachtswoche 1941

     Die Rote Armee versuchte mit aller Gewalt unsere Frontlinie zu durchbrechen; die Rotarmisten stürmten unentwegt über die Leichen ihrer gefallenen Kameraden hinweg, ehe sie erschöpft durch die ununterbrochenen Kämpfe und die schrecklichen Schneestürme am 30.12.1941 ihre Angriffe einstellten.

     In dieser einen Woche hatten wir über 600 Verwundete zu versorgen, darunter Leichtverwundete, Schwerverwundete und Sterbende. Dies bedeutet einen gewaltigen Einsatz an Organisation, Triage, operativen Eingriffen und Weitertransporten in das Feld-lazarett. Hier konnte man in eindrucksvoller Weise erleben, was die Kriegschirurgie zu leisten imstande und ein Chirurg ohne unbändigen Optimismus nicht denkbar ist. Meine Berufswahl für die Chirurgie wurde auf diesem HVPL entscheidend beeinflusst.

     Wer die unmittelbaren schrecklichen Folgen eines Krieges auf einem HVPL erlebt hat, kann nur ein entschiedener Gegner jedes Krieges sein. Politiker, die sich für einen Krieg einsetzen, sollten unerbittlich zum Aufenthalt in Hauptverbandplätze bei kriegerischen Auseinandersetzungen gezwungen werden, um die entsetzlichen Verletzungen und grauenhaften Verstümmelungen ertragen zu müssen.

     Manchmal wurden Verwundete durch den langen Transport bei fehlenden Straßen – Reichsarbeitsdienstabteilungen wurden für den Straßenbau an verschiedenen Stellen an der Eismeerfront eingesetzt – und starken Blutverlust völlig erschöpft in die Op.Baracke gebracht. Oft genügten einige Tropfen Chloroform (Äther war wegen der Explosionsgefahr durch die Karbidlampen verboten), um Operationen schmerzfrei durchführen zu können. Ich war damals im 7. Semester des Medizinstudiums und konnte in Ausnahmesituationen selbst Noteingriffe ausführen.

     In den Verwundetenbaracken stand in der Mitte ein mit Holz geheizter Eisenofen, der etwas Wärme in den Raum gegenüber der grimmigen Kälte draußen brachte. Eine kleine schüttere Birke mit einigen Kerzen ersetzte einen Christbaum. Einige Verwundete hatten Tränen in den Augen und dachten an ihre Lieben in der über 4000 km entfernten Heimat. Am 24. Dezember spielte ein Leichtverwundeter auf seiner Mundharmonika „Stille Nacht, heilige Nacht“.

FU Köle in der neuen Winterbekleidung. Foto: W. Köle FU Köle in der neuen Winterbekleidung. Foto: W. Köle

     In unserer Kompanie hatten wir auch zwei Priester, die sich um unsere Verwundeten bemühten, sie mit tröstenden Worten psychisch betreuten und ihnen Hoffnung auf Genesung mit einem Heimaturlaub gaben. Auch zahlreiche Päckchen wurden von den Familien-angehörigen aber ebenso von vielen unbekannten Spendern durch die Feldpost gebracht, darunter Handschuhe, dicke Socken, Kekse, Schokolade und andere Kostbarkeiten. Auch die fehlende Winterbekleidung traf allmählich ein (Abb. 8) und ersetzte die übliche Bekleidung, die in Griechenland bei 35° C plus getragen wurde.

Trauriger Abschied 

     In besonders trauriger und schmerzlicher Erinnerung ist mir ein junger Gebirgsjäger, der mit einem Bauchschuss eingeliefert wurde. Sein Zustand war durch den langen Transport, durch den Blutverlust und die fortgeschrittene Bauchfellentzündung so schlecht, dass an eine Operation nicht mehr zu denken war. Um seine Schmerzen in dieser aussichtslosen Situation zu mildern, erhielt er Morphiuminjektionen. Der Verwundete spürte, dass er seine Heimat nicht mehr sehen würde; er weinte bitterlich und rief nach seiner Mutter. Langsam wurde sein Stöhnen immer leiser, bis sein junges Herz aussetzte und der Tod eintrat.

     Auch zwei verwundete sowjetische Gefangene – dem Aussehen nach waren es Kirgisen – wurden in unseren HVPL eingeliefert, die ängstlich warteten, was mit ihnen geschehen würde. Sie wurden mit der gleichen Sorgfalt untersucht und versorgt wie unsere eigenen Kameraden und nach der Operation an das Feldlazarett Titovka weitergeleitet.

 

Letzte Ruhestätten

     Unsere tödlich Verwundeten wurden bis 1944 auf dem Soldatenfriedhof Parkkina, Finnland, - jetzt Petschenga, Russland, - bestattet, wo insgesamt 12.000 Gefallene, vorwiegend Gebirgsjäger, aber ebenso Angehörige anderer Waffengattungen liegen (Abb. 9).

Der Soldatenfriedhof in Parkkina mit 12.000 Gräbern (1944). Foto: W. Köle

     1944 wurde nach dem Abfall Finnlands der Friedhof durch russische Panzer zerstört. 1993 konnte durch das Kuratorium der Gefallenenstätte am ehemaligen Soldatenfriedhof Parkkina mit Obmann Oberst Karl Ruef – die Steiermark war durch Landesrat Dr. Helmut Heidinger und Prof. Köle vertreten – erstmals eine einfache Grabstätte (Abb. 10) und nach langwierigen Verhandlungen mit militärischen und zivilen russischen Behörden durch freiwillige Spenden 1994 ein Denkmal errichtet werden (Abb. 11).

     Im Jahre 2000 hat der Volksbund Deutscher Kriegergräber (VDK) das Denkmal über-nommen und die Gedenkstätte großzügig ausgebaut. So wurden im Zentrum ein hohes Metallkreuz errichtet, Wege angelegt, Bäume und Sträucher gepflanzt und zahlreiche Granit-säulen aufgestellt, auf denen sämtliche 12.000 Gefallene mit Vor- und Familiennamen, Geburts- und Todesdatum eingraviert sind (Abb. 12), darunter auch unsere drei Kameraden.

Eine der vielen Granitsäulen mit den eingravierten Namen aller hier 12.000 bestatteten Gefallenen. Foto: W. Köle

     Im Gedenken an unsere gefallenen Kameraden sei abschließend das ergreifende Gedicht von Ina Krönes „Kameraden sterben nicht“ zitiert: „Sie sind bei uns, wenn sie gegangen, sie halten fester uns umfangen, vertrauter wird uns ihr Gesicht. Kameraden sterben nicht! Was sie uns in ihrem Leben an Kraft und Freude gegeben, strahlt weiter uns als stilles Licht! Kameraden sterben nicht! Sie gehen nur einen Schritt voran, wie sie´s im Leben oft getan und weisen uns die wahre Sicht. Kameraden sterben nicht!“

 

Univ.Prof. Dr.med. Dr.h.c. Wolfgang Köle                                           em. Vorstand der II. Chir. Abt. des LKH-Univ.Klinikum Graz                 8010 Graz, Hamerlinggasse 6

Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Köle. Bewegende 90er-Feier

Beim Festakt von links: Rektor Univ.-Prof. Dr. Josef Smolle, Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Köle, Alt-Landeshauptmann Dr. Josef Krainer und Univ.- Prof. Dr. Karl-Heinz Tscheliessnigg. Foto: Martin Stelzer/Universitätsklinik für Chirurgie

2010/2017. Bereits im November 2009 hatte die Medizinische Universität Graz zu einer Feier anlässlich des 90. Geburtstages von Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Köle in den Hörsaal der Chirurgie des LKH-Univ.Klinikum Graz eingeladen.

 

Erinnerungen und Laudatio

Dr. Erich Suchanek würdigte seinen ehemaligen Chef in einem berührenden Rückblick und zeichnete dabei voller Dankbarkeit ein menschlich-fachlich faszinierendes Bild. In der Laudatio bezeichnete Univ.-Prof. Dr. Karl-Heinz Tscheliessnigg Wolfgang Köle, den ehemaligen Vorstand der II. Chirurgischen Abteilung des LKH Univ. Klinikum Graz und Träger des außergewöhnlichen Titels „Titular-Ordentlicher-Professor" als einen der letzten großen Chirurgen, die das Fach in seiner ganzen Breite abzudecken imstande waren. Führung und Vorbild durch den Lehrer, aber auch die immer wache Selbstkritik, Redlichkeit und ein absolutes Rechtsgefühl wurden dabei von ihm als wesentliche Erfolgskriterien besonders hervorgehoben.

 

Dankesworte

In seinen Schluss- und Dankesworten bezeichnete Wolfgang Köle das ehrliche und vertrauensvolle Gespräch mit menschlicher Zuwendung zwischen Patient und Arzt als zentrale Aufgabe. Er zitierte den virtuosen Generalchirurgen Napoleons Jean Dominique Larrey: „Wir können nicht immer helfen, wir können fast immer Schmerzen lindern, aber wir können immer trösten".

Meilensteine des Lebens

Das bezaubernde Foto von Martin Stelzer zeigt den Geburtstagsjubilar Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Köle mit seiner Gattin Dr. Eva Köle, mit der er seit 1962 verheiratet ist.

 

 

 

 

 

  • Im steirischen Obdach am 18.11.1919 geboren
  • Besuch des Stiftsgymnasiums St. Paul von 1930- 1938
  • Medizinstudium an den Universitäten Graz und Wien von 1938-1940
  • Einsatz bei der deutschen Wehrmacht von 1940-1945
  • Promotion zum Dr. med. univ. an der Universität Innsbruck am 12.4.1945
  • Facharzt für Chirurgie: 1953
  • Habilitierung an der Medizinischen Fakultät der Universität Graz: 1956
  • Ernennung zum Primararzt und Vorstand der II. Chirurgischen Abteilung des LKH Graz: 1961
  • Seit 1962 Frau Dr.med.univ. Eva Köle verheiratet

 

Quelle: Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Köle. Bewegende Feier anlässlich des 90. Geburtstages. In: G´sund. Die besten Seiten der KAGes. Ausgabe 65 März 2010, Seite 26.

 

Laudatio für Wolfgang Köle
Zum 90. Geburtstag von Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Köle: 18.11.1919 – 17.11.2009
Laudatio.pdf
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